Donnerstag, 26. November 2009
Sei Poet
Sei Poet
benütz die Sprache als ein Federbrett,
spring einen Salto in die Alphabete,
zieh jeden Satz wie eine Flagge hoch.
Sei Poet,
nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel,
nicht Winterkleid für all die dünnen Phrasen,
die jedermann zu jedermann an jedem Tag erzählt,
Dann kannst Du Gärtner der Träume sein,
hurra!
Und kannst Kalif von Bagdad sein,
hurra!
Mehr will ich nicht von dir,
Mehr will ich nicht von dir,
Sei Poet,
Den innern Erdteil sollst Du projizieren
mit magischen Laternen und mit Spiegeln,
die man für zwei Kometen überall erhält.
Andre Heller
Für immer
Ich erinnere mich an den
Salzigen Geschmack beim Abschied
An den Wind der dir durchs Haar blies
Und die vertraute Geste mit der du
Die Strähnen wieder zurück strichst
Ich sehe sie immer noch vor mir
Die leere Straße zum Grenzübergang
Und wie du stehen und winken würdest
Bis ich verschwunden war
Ich erinnere mich an jene verzehrende
Unendliche Traurigkeit in mir weil es
Ein Abschied für immer war und du
Es nicht wissen konntest
Gerhard Rombach
Salzigen Geschmack beim Abschied
An den Wind der dir durchs Haar blies
Und die vertraute Geste mit der du
Die Strähnen wieder zurück strichst
Ich sehe sie immer noch vor mir
Die leere Straße zum Grenzübergang
Und wie du stehen und winken würdest
Bis ich verschwunden war
Ich erinnere mich an jene verzehrende
Unendliche Traurigkeit in mir weil es
Ein Abschied für immer war und du
Es nicht wissen konntest
Gerhard Rombach
Regenduft
Schreie. Ein Pfau.
Gelb schwankt das Rohr.
Glimmendes Schweigen von faulem Holz.
Flüstergrün der Mimosen.
Schlummerndes Gold nackter Rosen
Auf braunem Moor.
Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln.
Granit blank, eisengrau.
Matt im Silberflug Kranichheere
Über die Schaumsaat stahlkühler Meere.
Max Dauthendey
Gelb schwankt das Rohr.
Glimmendes Schweigen von faulem Holz.
Flüstergrün der Mimosen.
Schlummerndes Gold nackter Rosen
Auf braunem Moor.
Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln.
Granit blank, eisengrau.
Matt im Silberflug Kranichheere
Über die Schaumsaat stahlkühler Meere.
Max Dauthendey
Faunsflötenlied
Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.
Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.
Otto Julius Bierbaum
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.
Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.
Otto Julius Bierbaum
Komm in den totgesagten park und schau...
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade -
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau -
Die späten rosen welkten noch nicht ganz -
Erlese küsse sie und flicht den kranz -
Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben -
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Stefan George
Der schimmer ferner lächelnder gestade -
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau -
Die späten rosen welkten noch nicht ganz -
Erlese küsse sie und flicht den kranz -
Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben -
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Stefan George
Mittwoch, 25. November 2009
ICH TRAT IN MEIN ZIMMER
Ich
trat in mein Zimmer.
Die
Fenster...standen...weit auf,
draußen
schien die Sonne.
Wie
wunderbar:
Aus
tiefstsattem, köstlichstem,
noch
taublätterigem, noch tauglitzerigem, noch tauleuchttropfigem
Dunkelglanzgrün,
flimmernd, schimmernd, glimmernd,
mitten
im
schattenkühlen, ebenerdigen, weinrebenumkletterhangenen
Gartenhausraum,
Rosen!
Ein
ganzer großer, wundervoller,
prachtender, prahlender, prangender, strahlender,
stolzstattlicher
Strauß!
Weiße, gelbe, lichtnußbraune,
rote,
zarte, blasse, rührend sanftrosaknospende,
fast
mystisch,
schwarzblau, samtschwer
schillernde
und
feuerigst, traumhaft, rauschherrlichst
lodernde
aus wildem, aus
üppigstem, aus prunkendstem
Orange!
……….
Langsam,
zauberisch...wie...mich bannend,
zog es mich
näher.
Ah,
wie das herzduftete!...Ah...wie das seelendurchfrohte!
Ah,
wie das
wohl...tat!
Und
ich stellte das
Glas
behutsam, sorglich, vorsichtig,
andächtig, versunken
wieder...auf...meinen
alten,
buchenen, konzeptpapierbedeckten, tintfleckenüberkleckten, simpelen
Schreibtisch.
Du
Süße!...Du...Liebe!
Du
Gute!
……….
Dort
steht es nun,
buntblitzerig, farbenüberfunkelt, märchentrautschön;
labespendet
seinen berückenden, erquickungsendet seinen beglückenden,
troststreut
seinen vielfältig feinen, seinen mannigfaltig reinen, seinen
durchmengt, durchmischt,
verschwenderisch
un-
vergleichbaren,
lauteren, wonniglichen, lieblichen,
makellosen,
morgenfrühen, morgenfreudigen, morgenfrischen
Balsamruch;
und in alles, was ich dichte, und in alles, was ich denke, und in alles, was ich
sinne, trachte,
arbeite und erträume,
glänzt jetzt sein reicher, haucht jetzt sein weicher, fließt jetzt
sein holder, sein voller, sein
beseligender
Schein.
Arno Holz
Aus der Sammlung Zwölf Liebesgedichte
trat in mein Zimmer.
Die
Fenster...standen...weit auf,
draußen
schien die Sonne.
Wie
wunderbar:
Aus
tiefstsattem, köstlichstem,
noch
taublätterigem, noch tauglitzerigem, noch tauleuchttropfigem
Dunkelglanzgrün,
flimmernd, schimmernd, glimmernd,
mitten
im
schattenkühlen, ebenerdigen, weinrebenumkletterhangenen
Gartenhausraum,
Rosen!
Ein
ganzer großer, wundervoller,
prachtender, prahlender, prangender, strahlender,
stolzstattlicher
Strauß!
Weiße, gelbe, lichtnußbraune,
rote,
zarte, blasse, rührend sanftrosaknospende,
fast
mystisch,
schwarzblau, samtschwer
schillernde
und
feuerigst, traumhaft, rauschherrlichst
lodernde
aus wildem, aus
üppigstem, aus prunkendstem
Orange!
……….
Langsam,
zauberisch...wie...mich bannend,
zog es mich
näher.
Ah,
wie das herzduftete!...Ah...wie das seelendurchfrohte!
Ah,
wie das
wohl...tat!
Und
ich stellte das
Glas
behutsam, sorglich, vorsichtig,
andächtig, versunken
wieder...auf...meinen
alten,
buchenen, konzeptpapierbedeckten, tintfleckenüberkleckten, simpelen
Schreibtisch.
Du
Süße!...Du...Liebe!
Du
Gute!
……….
Dort
steht es nun,
buntblitzerig, farbenüberfunkelt, märchentrautschön;
labespendet
seinen berückenden, erquickungsendet seinen beglückenden,
troststreut
seinen vielfältig feinen, seinen mannigfaltig reinen, seinen
durchmengt, durchmischt,
verschwenderisch
un-
vergleichbaren,
lauteren, wonniglichen, lieblichen,
makellosen,
morgenfrühen, morgenfreudigen, morgenfrischen
Balsamruch;
und in alles, was ich dichte, und in alles, was ich denke, und in alles, was ich
sinne, trachte,
arbeite und erträume,
glänzt jetzt sein reicher, haucht jetzt sein weicher, fließt jetzt
sein holder, sein voller, sein
beseligender
Schein.
Arno Holz
Aus der Sammlung Zwölf Liebesgedichte
Die Ballade vom angenehmen Leben auf dieser Welt
Er hat ein Bett und hat auch Feuer im Kamin,
es reitet hin und her auf seinen Knien
die reizende Marie. Von wegen jener Glut
sind beide unbedeckt; wozu auch nicht?!
Der süsse Wein, der Hetzhund, jagt ihr Blut
zum letzten Schwung. Sie tun's bei Licht,
denn in der Finsternis ist manches unbequem.
Nur der, der lebt, lebt angenehm.
Auch der Villon hat sich noch nie ein Bein
hinkniend ausgerenkt, ein frommer Christ zu sein,
viel weniger noch um einen Bissen Brot
mit Bettel sich beschmutzt; ich danke sehr!
Es kommt die schwarze Pest und Hungersnot
auch zu dem frommen Mann und säuft ihn leer.
Ich frage nicht, woher, wohin die Winde wehn.
Ich habe und wer hat, lebt angenehm.
Da lieg ich, wie ich bin, im hohen Gras
und denk nichts anderes als das,
dass von dem Baum nicht weit der Apfel fällt.
Und in dem Apfel wohnen schon die Würmer drin,
damit er nicht zu lange sich am Stengel hält,
und dabei kommt der Spruch mir in den Sinn:
Mensch, wenn was kommt, frag nicht wofür, für wen,
du hast, und wer was hat, lebt angenehm.
Es geht auf dieser grauen Erdenwelt
wohl gar nichts ohne Sorgen um das Geld.
und von dem Brott allein wird niemand satt im Darm.
Doch wenn man Wildpret hat und sich mit Wein
den Schlauch anfüllt hinterdrein noch ein
vergnügtes Weibchen hält im Arm,
für den kann diese Welt zugrunde gehn,
er hat und also lebt er angenehm.
François Villon
es reitet hin und her auf seinen Knien
die reizende Marie. Von wegen jener Glut
sind beide unbedeckt; wozu auch nicht?!
Der süsse Wein, der Hetzhund, jagt ihr Blut
zum letzten Schwung. Sie tun's bei Licht,
denn in der Finsternis ist manches unbequem.
Nur der, der lebt, lebt angenehm.
Auch der Villon hat sich noch nie ein Bein
hinkniend ausgerenkt, ein frommer Christ zu sein,
viel weniger noch um einen Bissen Brot
mit Bettel sich beschmutzt; ich danke sehr!
Es kommt die schwarze Pest und Hungersnot
auch zu dem frommen Mann und säuft ihn leer.
Ich frage nicht, woher, wohin die Winde wehn.
Ich habe und wer hat, lebt angenehm.
Da lieg ich, wie ich bin, im hohen Gras
und denk nichts anderes als das,
dass von dem Baum nicht weit der Apfel fällt.
Und in dem Apfel wohnen schon die Würmer drin,
damit er nicht zu lange sich am Stengel hält,
und dabei kommt der Spruch mir in den Sinn:
Mensch, wenn was kommt, frag nicht wofür, für wen,
du hast, und wer was hat, lebt angenehm.
Es geht auf dieser grauen Erdenwelt
wohl gar nichts ohne Sorgen um das Geld.
und von dem Brott allein wird niemand satt im Darm.
Doch wenn man Wildpret hat und sich mit Wein
den Schlauch anfüllt hinterdrein noch ein
vergnügtes Weibchen hält im Arm,
für den kann diese Welt zugrunde gehn,
er hat und also lebt er angenehm.
François Villon
Dienstag, 24. November 2009
Das ist die Sehnsucht
Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke
Schöne Mondfrau
Schöne Mondfrau, gehst du schlafen
Lächelnd und so munter
Leise mit den Silberschafen
In die Nacht hinunter?
O, und du im Maskenkleide,
Liebe Scheherazade,
Spielst du, daß die Nacht nicht leide
Deine Serenade?
Wandermüde, wundertrunken
Komm in meine Ruhe
Blaue, weiche Sternenfunken
Küssen deine Schuhe.
Sieh, die Nacht ist so lebendig
Voller Duft und Gnade
In den Bäumen eigenhändig
Spielt sie sich die Serenade.
HUGO BALL
Lächelnd und so munter
Leise mit den Silberschafen
In die Nacht hinunter?
O, und du im Maskenkleide,
Liebe Scheherazade,
Spielst du, daß die Nacht nicht leide
Deine Serenade?
Wandermüde, wundertrunken
Komm in meine Ruhe
Blaue, weiche Sternenfunken
Küssen deine Schuhe.
Sieh, die Nacht ist so lebendig
Voller Duft und Gnade
In den Bäumen eigenhändig
Spielt sie sich die Serenade.
HUGO BALL
Dämmerung in der Stadt
Der Abend spricht mit lindem Schmeichelwort die Gassen
In Schlummer und der Süße alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich auf blaue Firste hingelassen.
Nun hat das Dunkel von den Fenstern allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau, durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe, die im Meer die Nachtsignale hissen.
In späten Himmel tauchen Türme zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend, die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel lautlos in den lichtgepflügten Hafen.
Ernst Stadler
In Schlummer und der Süße alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich auf blaue Firste hingelassen.
Nun hat das Dunkel von den Fenstern allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau, durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe, die im Meer die Nachtsignale hissen.
In späten Himmel tauchen Türme zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend, die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel lautlos in den lichtgepflügten Hafen.
Ernst Stadler
Du und ich
Du und ich!
Wunschlose Seligkeit
Strömt deine Nähe über mich.
Der Alltag wird zur Sonntagszeit,
Unsterblich schlingt das Leben sich
Um uns. Und Menschengöttlichkeit
Fühl' ich bei dir durch dich.
Was einst gewesen, weiß ich kaum.
Die enge Welt wird weiter Raum.
Und Holz wird Eisen, Eisen Holz
Und Stolz wird Demut, Demut Stolz.
Gar wunderbare Weisen
Singt dann bei seinen Kreisen
Mein Blut im Paradies für mich.
Es haben alle Wünsche Ruh', -
Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du.
Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.
Max Dauthendey
Wunschlose Seligkeit
Strömt deine Nähe über mich.
Der Alltag wird zur Sonntagszeit,
Unsterblich schlingt das Leben sich
Um uns. Und Menschengöttlichkeit
Fühl' ich bei dir durch dich.
Was einst gewesen, weiß ich kaum.
Die enge Welt wird weiter Raum.
Und Holz wird Eisen, Eisen Holz
Und Stolz wird Demut, Demut Stolz.
Gar wunderbare Weisen
Singt dann bei seinen Kreisen
Mein Blut im Paradies für mich.
Es haben alle Wünsche Ruh', -
Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du.
Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.
Max Dauthendey
Fasst du das Wunder?
Fasst du das Wunder?
Ich fass es nicht.
Wir lachten und litten
Und kannten uns nicht.
Wir suchten und ahnten
Und sahen uns kaum,
Da wuchs in uns beiden
Ein Blütentraum.
Wir stellten uns trotzig
und blieben uns fern
Da losch zu unseren
Häupern ein Stern.
Nun ruht mir am Herzen
Dein liebes Gesicht -
Fasst du das Wunder?
Ich fass es nicht.
Ernst Goll
Ich fass es nicht.
Wir lachten und litten
Und kannten uns nicht.
Wir suchten und ahnten
Und sahen uns kaum,
Da wuchs in uns beiden
Ein Blütentraum.
Wir stellten uns trotzig
und blieben uns fern
Da losch zu unseren
Häupern ein Stern.
Nun ruht mir am Herzen
Dein liebes Gesicht -
Fasst du das Wunder?
Ich fass es nicht.
Ernst Goll
Montag, 23. November 2009
Der Albatros
Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen
Die albatros - die grossen vögel - fängt
Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen
Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt.
Kaum sind sie unten auf des deckes gängen
Als sie - die herrn im azur - ungeschickt
Die grossen weissen flügel traurig hängen
Und an der seite schleifen wie geknickt.
Der sonst so flink ist nun der matte steife.
Der lüfte könig duldet spott und schmach:
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife
Ein andrer ahmt den flug des armen nach.
Der dichter ist wie jener fürst der wolke -
Er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang.
Doch hindern drunten zwischen frechem volke
Die riesenhaften flügel ihn am gang.
Charles Baudelaire übertragung von Stefan George
In der Schwebe
In der Schwebe halten
was zart ist -
die Sehnsucht und
die Freundschaft
Von Liebe träumen
wenn der Himmel
weit ist und
die Nacht unendlich
Zu den Sternen blicken,
Heimweh haben
hoffen ...
Gerhard Rombach
was zart ist -
die Sehnsucht und
die Freundschaft
Von Liebe träumen
wenn der Himmel
weit ist und
die Nacht unendlich
Zu den Sternen blicken,
Heimweh haben
hoffen ...
Gerhard Rombach
kein blatt
schulter an schulter
letzte nacht
mein schlaf an deinem
dein wachsein an meinem
kein blatt
das platz
gefunden hätte
zwischen uns
kein blatt
mit namen
schmerz
Reiner Kranz
letzte nacht
mein schlaf an deinem
dein wachsein an meinem
kein blatt
das platz
gefunden hätte
zwischen uns
kein blatt
mit namen
schmerz
Reiner Kranz
Vorahnung
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen
ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch
schwer.
Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das
Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.
Rainer Maria Rilke
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen
ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch
schwer.
Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das
Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.
Rainer Maria Rilke
Sonntag, 22. November 2009
Marcel Marceau
Marcel Marceau (* 22. März 1923 in Straßburg, Frankreich; † 22. September 2007 in Paris, eigentlich Marcel Mangel) war ein berühmter Pantomime. Dem Publikum war er als „Bip“ vertraut, der tragikomische Clown im Ringelhemd mit dem weiß geschminkten Gesicht, dem zerbeulten Seidenhut und der roten Blume.
Im Laufe seiner Karriere hatte Marceau die Themen und Ausdrucksmöglichkeiten der Pantomime ständig erweitert und seinem Publikum in den berühmten Pantomimes de Style vorgeführt. Zum festen Repertoire gehörten u. a. Die Erschaffung der Welt; Das Tribunal; Der Maskenmacher; Die Treppe; Im Volksgarten; Der Vogelfänger; Der Gerichtshof; Die Hände – Kampf zwischen Gut und Böse; Jugend, Reife, Alter, Tod; Der Alptraum des Taschendiebes; Die Bürokraten und Der Marsch gegen den Wind. Er bezeichnete seine pantomimischen Bilder auch als „Schreie der Stille“ und verstand sie als Möglichkeit, die Unbeholfenheit des Menschen auszudrücken.
Marceau beeinflusste bis heute zahlreiche Künstler aus allen Genres. Samuel Beckett inspirierte er zum pantomimischen Finale im Endspiel. Samy Molcho, Milan Sladek und Jango Edwards betonten seinen Einfluss auf ihre Karriere. Deutsche Mimen wie JOMI, Peter Makal und Rolf Mielke haben bei ihm gelernt. Der Schauspieler Anthony Hopkins und der Tänzer Rudolf Nurejew beriefen sich auf sein Vorbild. Michael Jackson wurde zum Moonwalk, der später zu seinem Markenzeichen wurde, durch den von Marceau kreierten Marsch gegen den Wind inspiriert. Diesen führte Marceau auch 1976 in der Stummfilm-Hommage Silent Movie von Mel Brooks auf. (In diesem Film war Marceau ironischerweise der einzige Schauspieler, der ein Wort spricht, nämlich „Non!“)
Noch 2005 ging der über 80-jährige Pantomime auf Tournee. In seiner Pariser Schule gab er nach wie vor Meisterkurse und nahm sämtliche Premieren ab. Dabei beharrte er auf dem wichtigsten Merkmal seiner Körperkunst:
- Der Filmschauspieler muss vergessen machen, dass er spielt. Der Pantomime darf das nicht, er muss in beständiger Anspannung sein.
- Die Pantomime ist die Kunst der Haltung.
Ein welkes Blatt
Ein welkes Blatt - und jedermann weiss: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!
Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
gemacht.
Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.
Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und die Liebenden
Schweigen.
Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.
Sommer - entflogener Traum!
Und Frühling - welch sagenhaft fernes Gerücht!
Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst
Mascha Kaléko
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!
Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
gemacht.
Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.
Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und die Liebenden
Schweigen.
Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.
Sommer - entflogener Traum!
Und Frühling - welch sagenhaft fernes Gerücht!
Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst
Mascha Kaléko
Beziehung
Wenn in einer Beziehung
das füreinander
Zeit nehmen
und das füreinander
Zeit haben
nicht
zum täglichen Brot wird,
verhungert
die Liebe
mit der Zeit …
Erich Fried
das füreinander
Zeit nehmen
und das füreinander
Zeit haben
nicht
zum täglichen Brot wird,
verhungert
die Liebe
mit der Zeit …
Erich Fried
Alles geben die Götter
Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.
Johann Wolfgang von Goethe
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.
Johann Wolfgang von Goethe
Samstag, 21. November 2009
(...)
Jemand bringt uns die Post
auf diesem Drahtesel in Gelb:
Karten mit Nachträgen mit Vorwegnahmen.
Ferne Liebesbriefe. Dem Abschied voraus.
Brigitte Fuchs
Aus "Hellsicht" in "Handbuch des Fliegens", edition 8, Zürich 2008
auf diesem Drahtesel in Gelb:
Karten mit Nachträgen mit Vorwegnahmen.
Ferne Liebesbriefe. Dem Abschied voraus.
Brigitte Fuchs
Aus "Hellsicht" in "Handbuch des Fliegens", edition 8, Zürich 2008
mit der leidenschaft des abschieds
vergiss nicht den schimmer auf deiner handfläche
eine träne im mund und was gerade da ist
- die reste des feuers
lass eine zeile frei in deinem tagebuch
umarme den himmel
und kinder die zu bett gehen
sag mir: an wen sich wenden
wenn’s messer in den leib stößt - an den vater
oder wen auch immer
die lichter blinzeln in wimpern des abends
bis sie verschwinden
und überall derselbe schritt
die traurigkeitsstunden gehen unter
langsam mit dieser sprache
und wir leiden so wild - wie zur sommerzeit
das brennende holz
Miroslav B. Dušanić
eine träne im mund und was gerade da ist
- die reste des feuers
lass eine zeile frei in deinem tagebuch
umarme den himmel
und kinder die zu bett gehen
sag mir: an wen sich wenden
wenn’s messer in den leib stößt - an den vater
oder wen auch immer
die lichter blinzeln in wimpern des abends
bis sie verschwinden
und überall derselbe schritt
die traurigkeitsstunden gehen unter
langsam mit dieser sprache
und wir leiden so wild - wie zur sommerzeit
das brennende holz
Miroslav B. Dušanić
Nachthimmel und Sternenfall
Der Himmel, groß, voll herrlicher Verhaltung,
ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.
Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist verflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?
Rainer Maria Rilke
ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.
Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist verflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?
Rainer Maria Rilke
Die Prüfung des Lächlers
als ihm die luft wegblieb, hat er gelächelt
da hat sein feind ihm kühlung zugefächelt
er lächelte, als er zu eis gefror
der feind rückt ihm die bank ans ofenrohr
er lächelte auch, als man ihn bespuckte
und als er brei aus kuhmist schluckte
er lächelte, als man ihn fester schnürte
und er am hals die klinge spürte
doch als man ihm nach einem wuchtigen tritt
die lippen rundum von den zähnen schnitt
sah man ihn an, erst ratlos, dann erstarrt
wie er im lächeln unentwegt verharrt
Christa Reinig
da hat sein feind ihm kühlung zugefächelt
er lächelte, als er zu eis gefror
der feind rückt ihm die bank ans ofenrohr
er lächelte auch, als man ihn bespuckte
und als er brei aus kuhmist schluckte
er lächelte, als man ihn fester schnürte
und er am hals die klinge spürte
doch als man ihm nach einem wuchtigen tritt
die lippen rundum von den zähnen schnitt
sah man ihn an, erst ratlos, dann erstarrt
wie er im lächeln unentwegt verharrt
Christa Reinig
Er hört den Schrei im Schilf
Ich wandre vorbei
An dem See ohne Licht,
Wo der Wind im Schilf schreit:
„Eh die Achse nicht bricht,
Die den Sternkreis hält
Und keine Hand in die Tiefe warf
Die Banner von Ost und West
Und der Gürtel des Lichts sich abschält,
Liegst du nie Brust an Brust
Mit deiner Liebsten im Schlaf“.
William Butler Yeats
An dem See ohne Licht,
Wo der Wind im Schilf schreit:
„Eh die Achse nicht bricht,
Die den Sternkreis hält
Und keine Hand in die Tiefe warf
Die Banner von Ost und West
Und der Gürtel des Lichts sich abschält,
Liegst du nie Brust an Brust
Mit deiner Liebsten im Schlaf“.
William Butler Yeats
Freitag, 20. November 2009
Selbstbildnis mit blauem, weiß gestreiftem Kleid
Schon das Kleid allein
läßt uns an Sommer denken
.in Frankreich -
an Picknicks in der Bretagne -
Den blauweißen Duft
.des Atlantiks -
Die rechte Hand an meinem Kinn.
Nicht zur Faust geballt.
Die Finger sind ausgestreckt -
ganz leicht berühren sie mein Kinn -
.Ganz leicht nur -
Ich bin nicht müde.
Kannst du denn nicht sehen,
wie ernst ich es meine, Rodin?
Stell dir vor, so was würde
.ich zu ihm sagen.
Ja, würde er sagen, zu ernst
für eine Frau.
Nein würde ich antworten, ich muß es
ernster meinen als ein Mann.
Die Sonne brennt auf mein Kleid
.und läßt es nur noch stärker
strahlen – doch ich steh abseits
und schweige – ich will es so,
.allein sein.
Sujata Bhatt
läßt uns an Sommer denken
.in Frankreich -
an Picknicks in der Bretagne -
Den blauweißen Duft
.des Atlantiks -
Die rechte Hand an meinem Kinn.
Nicht zur Faust geballt.
Die Finger sind ausgestreckt -
ganz leicht berühren sie mein Kinn -
.Ganz leicht nur -
Ich bin nicht müde.
Kannst du denn nicht sehen,
wie ernst ich es meine, Rodin?
Stell dir vor, so was würde
.ich zu ihm sagen.
Ja, würde er sagen, zu ernst
für eine Frau.
Nein würde ich antworten, ich muß es
ernster meinen als ein Mann.
Die Sonne brennt auf mein Kleid
.und läßt es nur noch stärker
strahlen – doch ich steh abseits
und schweige – ich will es so,
.allein sein.
Sujata Bhatt
Schon
Gewöhnt sein,
an deine Art zu sprechen
zu schreiben,
zu denken
und mehr von dir hören
und sehen
und lesen wollen
auch deine Stimme
und deine Hände
und deine Augen
und gar nicht
nur aus Gewohnheit.
Erich Fried
an deine Art zu sprechen
zu schreiben,
zu denken
und mehr von dir hören
und sehen
und lesen wollen
auch deine Stimme
und deine Hände
und deine Augen
und gar nicht
nur aus Gewohnheit.
Erich Fried
Einst werden Sonn' und Sterne kalt
Du liegst so gut in meinem Arm,
So gut ruht nur in mir mein Herz.
Wir schweben wie das Feuer fort
Und leben nur der Küsse Leben.
Einst werden Sonn' und Sterne kalt,
Uns hat der Tod vergessen müssen,
Und tausend, tausend Jahre alt
Leben wir noch in jungen Küssen.
Max Dauthendey
So gut ruht nur in mir mein Herz.
Wir schweben wie das Feuer fort
Und leben nur der Küsse Leben.
Einst werden Sonn' und Sterne kalt,
Uns hat der Tod vergessen müssen,
Und tausend, tausend Jahre alt
Leben wir noch in jungen Küssen.
Max Dauthendey
So ist's!
Die Poesie ist keine Pfütze,
Sie brennt nicht wie ein Lampendocht,
Und nichts gilt uns ein Kopf voll Grütze,
Wenn sie das Herz nicht weich gekocht!«
Schon gut! So hört doch auf mit Schelten
Und schlagt mir nicht die Fenster ein!
Gewiss, ihr Herrn, ich lass es gelten:
Der Mensch lebt nicht von Brot allein!
Die Lerchen jubeln noch und klettern
An ihren Liedern in die Luft
Und dunkle Hochgewitter wettern
Noch nächtlich über Wald und Kluft.
Noch immer blüht im Lenz der Flieder,
Im Sommer duftet der Jasmin,
Die Nachtigall singt ihre Lieder
Und jeder Ton ein Blutrubin.
Und macht der Herbst dann seine Runde,
Umkreist das Adlerweib den Horst,
Dann wandert um die Mittagsstunde
Die Sonne golden durch den Forst.
Dann lieg ich träumerisch im Grase
Und freu mich, dass die Erde rund,
Und oft versetzt mich in Extase
Ein heisser, roter Frauenmund.
Arno Holz
Sie brennt nicht wie ein Lampendocht,
Und nichts gilt uns ein Kopf voll Grütze,
Wenn sie das Herz nicht weich gekocht!«
Schon gut! So hört doch auf mit Schelten
Und schlagt mir nicht die Fenster ein!
Gewiss, ihr Herrn, ich lass es gelten:
Der Mensch lebt nicht von Brot allein!
Die Lerchen jubeln noch und klettern
An ihren Liedern in die Luft
Und dunkle Hochgewitter wettern
Noch nächtlich über Wald und Kluft.
Noch immer blüht im Lenz der Flieder,
Im Sommer duftet der Jasmin,
Die Nachtigall singt ihre Lieder
Und jeder Ton ein Blutrubin.
Und macht der Herbst dann seine Runde,
Umkreist das Adlerweib den Horst,
Dann wandert um die Mittagsstunde
Die Sonne golden durch den Forst.
Dann lieg ich träumerisch im Grase
Und freu mich, dass die Erde rund,
Und oft versetzt mich in Extase
Ein heisser, roter Frauenmund.
Arno Holz
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